#diebienphu

07. Mai 1954 und 08. Mai 1954

 Freitag, 7. Mai 1954

Angaben der Franzosen:

„Dauerregen. Um 3:00 Uhr nachts ist `Eliane 4´ eingeschlossen. Die

Funkstationen von Botella und Bréchignac hören auf zu senden. Die

Viets können `Eliane 2´ umgehen und greifen um 5 Uhr seine Ostseite

an. Die Verteidiger haben keine Munition mehr. `Épervier´ wird von

’Bärchen’ Lieutenant Brandon und 60 Mann verteidigt.

Um 10 Uhr ist `Eliane 10´ erobert. Außer einigen Widerstandsnestern

am Flussufer sind sämtliche Stützpunkte in den Händen der Viets.

Im Westen ist `Huguette 4´ gefallen.

Nach und nach stellt der Hauptstützpunkt von Đien Biên Phu das Feuer

ein. Gegen 17:00 Uhr sendete die Funkleitstelle von Đien Biên Phu ein

letztes Mal nach Hanoi: ’Wir jagen alles in die Luft. Adieu.’

Minuten später hatten die Vietminh die Funkleitstelle besetzt.

17:30 Uhr antwortet Torri Rouge nicht mehr. Đien Biên Phu ist gefallen.

Die Soldaten vernichteten auf Befehl ihre Waffen und Funkgeräte.“

Angaben der Vietminh:

„Um 2:30 Uhr wehte unsere Flagge mit dem Slogan: `Entschlossen zu

kämpfen und zu siegen´ über dem Hügel A1 `Eliane 2´. Der verant-

wortliche Offzier hatte kapituliert und übergab die Befestigung oder

was von ihr übriggeblieben war.

5:30 Uhr: Ein Panzer und zwei Kompanien versuchten einen Gegenan-

griff in Richtung Anhöhe A1, warum auch immer. Unsere Geschütze

machten diesen Angriff zunichte und sie mussten sich zurückziehen.

Dies war der letzte Gegenangriff des Feindes auf die Anhöhe A1.

Um 9:00 Uhr nach einem heftigen Artillerieangriff stürmte Regiment 98

C2 (`Eliane 3+4´) und nahm 600 feindliche Soldaten gefangen.

Regiment 165 erkämpft sich die Anhöhe 506.

Ein Regiment rückt auf Anhöhe 507 vor. Der Feind bewegt sich nun

nur noch auf einem Quadratkilometer und ist demoralisiert. Seine noch

kämpfenden Einheiten befnden sich in der Aufösung.“

 

Aus und vorbei

Um 10:00 erfolgte über Funk ein offenes Gespräch zwischen Cogny und

de Castries, welches die allgemeine Lage in ihrer absurden Tragik und

Hilflosigkeit widerspiegelte:

„Bonjour, alter Junge“, sagt Cogny. „Wie geht’s, wie ist die Lage?

Welche Einheiten stehen noch zur Verfügung?“

De Castries: „Alles Merde. Folgende Befestigungen sind gefallen: E2,

E4, E10. Mir bleiben das 6. BPC und Reste vom 1. und 2. BEP sowie ei-

nige von den algerischen Schützen.“

Cogny: „Ja!?“

De Castries: „Können nichts Vernünftiges mehr ausrichten.“

Cogny: „Ja!?“

De Castries: „ N’est-ce pas? [Nicht wahr?]. Diese Reste sind aber sehr

schwach, wir kämpfen mit den letzten Reserven an der Ost- und West-

seite. Wir schmeißen uns von einem Eck in das nächste ...“

Cogny: „Ja!?“

De Castries: „Nicht wahr? Mir bleiben nur noch zwei Kompanien von

den zwei BEP’s, zusammen ...“

Selbst die Verbindung gab nun den Geist auf und es knisterte stark.

Cogny: „Ja. Hallo, hallo?“

De Castries: „Nicht wahr? Drei Kompanien marokkanischer Schützen,

die taugen natürlich nichts mehr, denn die sind völlig im Eimer ...“

Cogny: „Ja?“

De Castries: „ Nicht wahr? Dann zwei Kompanien vom 8. Sturmbatail-

lon …“

Cogny unterbrach: „Ja. Schön.“

De Castries: „... dann noch drei Kompanien T’ais vom 2. BT, was aber

normal ist. Die haben mit den marokkanischen Schützen noch die

meisten Männer. Die kämpfen ja auch nicht richtig.“

Cogny: „Sicher, sicher!“

De Castries: „Nicht wahr? Und da sind noch zwei Kompanien Frem-

denlegionäre, Reste vom 1. und vom 2. Infanterie Regiment …, viel-

leicht zwei Kompanien von der 13. Halbbrigade mit 70 oder 80 Mann.“

Cogny: „Jawohl, ich habe verstanden!“

De Castries: „Gut, gut, wir kämpfen mit den Zähnen und den Fin-

gernägeln.“

Cogny: „Ja.“

De Castries: „Nicht wahr? Mit Zähnen und Fingernägeln wollen wir sie

am Nam Youm stoppen.“

Ein Knistern im Funk unterbrach erneut kurzfristig das Gespräch.

Cogny hörte man schreien: „Hallo, hallo ...“

De Castries: „Hallo, mon Général ..., verstehen Sie mich, können Sie

mich hören?“

Cogny: „Könnt Ihr euch noch einigermaßen bewegen?“

De Castries: Wir müssen die Vietminh am Fluss stoppen.“

Cogny: „Ja?“

De Castries: „Nicht wahr? Am Ostufer müssen wir den Feind zum

Halten bringen. Ansonsten sind wir ohne Wasser, das wäre nicht gut.“

Cogny: „Ja. Ja richtig, überhaupt nicht gut.“

De Castries: „Nicht wahr? Wir wollen heute Nacht ausbrechen. Die 312.

und 316. Division rücken vom Osten her mit den Regimentern 88 und

dem 102. von der 308. Division vor. Mist, die treiben sich überall herum.

Das 36. Regiment rennt die westliche Flanke von uns an. Die Ausbruch-

operation `Albatros´ muss schneller umgesetzt werden.“

Cogny: „Natürlich. Ich habe Rückendeckung von Navarre.“

De Castries: „Ich schlage Ihnen vor, ich habe mit Langlais und den

anderen gesprochen, wir sind uns da einig, möglichst viele nach dem

Süden abhauen zu lassen. Nur die vielen Verwundeten bereiten mir

Kummer. Die müssen wir alle da lassen. Und die Ratten vom Nam

Youm können zusehen, wie sie durchkommen. Nicht wahr?“

Cogny: „Ja. Natürlich.“

De Castries: „Ich bleibe hier und schließe den Laden mit ein paar tap-

feren Kerlen ab.“

Cogny: „Das war’s wohl.“

De Castries: „Nicht wahr? Viele Verwundete sind eh schon in den Hän-

den des Feindes. Auf `Eliane 4´ und `Eliane 10´. Jede Menge Verwun-

dete ... ein Jammer.“

Cogny: „Ja natürlich. Ein Jammer.“

De Castries: „Nicht wahr? Ich werde alles unter mein Kommando

nehmen und mache weiter bis zum Schluss.“

Cogny: „Klar doch, alter Junge, klar doch ...“

De Castries: „Nicht wahr? Ich werde versuchen, Sie nochmals an-

zurufen, bevor hier Feierabend ist.“

Cogny: „Selbstverständlich, ich bin ja da.“

De Castries: „... ich brauche noch Ihr Einverständnis!“

Cogny: „Bin einverstanden, alter Junge.“

De Castries: „Sie sind einverstanden?“

Cogny: „ Ja. Natürlich haben Sie mein Einverständnis.“

De Castries: „Ich versuche so lange als möglich mit meinen Einheiten,

die mir noch zur Verfügung stehen, auszuhalten, ... ich habe nichts

mehr zu sagen..., mon Général?“

Ein Knistern in der Sprechanlage behinderte wieder das Gespräch.

Cogny: „Alter Junge, Kopf hoch, wird schon schiefgehen.“

De Castries: „So ist das ... wird schon schiefgehen.“

Cogny: „Haben Sie noch genügend Munition?“

De Castries: „Nein, verdammt, ... nichts mehr, gar nichts.“

Cogny: „Alter Junge, hast du wirklich gar nichts mehr?“

De Castries: „Nichts mehr, verstehen Sie, nichts, aus, alles verballert.“

Cogny: „Nur jetzt nicht, oder? Und die guten 10,5 cm-Granaten?“

De Castries: „Na, da habe ich vielleicht noch 100 oder 150 Stück ...“

Cogny: „Schön, und?“

De Castries: „Nicht wahr? Aber überall verstreut. Verstehen Sie?“

Cogny: „Ja, natürlich.“

De Castries: „Es ist unmöglich, sie zusammenzubringen, da sie zu ver-

streut sind. Je mehr Sie schicken, desto besser, verstehen Sie?“

Cogny: „Ja.“

De Castries: „Wir halten aus, solange es eben geht.“

Cogny: „Ich glaube, es wird das Beste sein, wenn unsere Luftunterstüt-

zung Angriffe fliegen wird, damit die Vietminh gebremst werden.“

De Castries: „Ja, mon Général, Luftangriffe, aber ohne Unterbrechung,

verstehen Sie, keine Pause, denn die Vietminh, verstehen Sie, ich will

einen Überblick ...“

Die Verbindung knisterte wieder stark.

Cogny: „Ja, bitte? Hallo alter Junge, hallo ...“

Störungen. Die Verbindung wurde unterbrochen. Wortfetzen kamen

herüber: „... das 88. Regiment ..., die 316. Division ... sie sind überall ...“

Das Rauschen verschwand.

De Castries: „Ich werde Befehl geben, auszubrechen. Nach Süden über

`Isabelle´auszubrechen.

Cogny: „Ja natürlich. Halten Sie mich auf dem Laufenden, damit wir

Ihnen massiv Luftwaffenunterstützung herbeiführen können.“

De Castries: „ Aber natürlich, mon Général.“

Cogny: „Na schön, alter Junge ... ich weiß auch nicht ...“

De Castries: „Nicht wahr? Das wär’s von mir aus.“

Cogny: „Auf Wiedersehen, alter Junge.“

De Castries: „Bevor ... bevor Schluss ist, kann ich ja nochmals anrufen.“

Cogny: „Also auf Wiedersehen, mein guter de Castries.“

De Castries: „Au revoir, mon Général.

Cogny: „Au revoir, alter Junge.“

De Castries hängte den Hörer in die Gabel.

In Hanoi saß ein verzweifelter General Cogny, welcher seinen Offizie-

ren nicht in die Augen schauen konnte.

Um 11:15 Uhr flog eine Message von Cogny bei dem Kommandanten in

`Isabelle´, Colonel Lalande, ein. „Es ist nur klar, dass Sie die Entschei-

dung für `Albatros´ selbst zu treffen haben – Stop – Halten Sie mich auf

dem Laufenden – Stop – Sollten Sie mit dem HQ in DBP keinen Kontakt

aufnehmen können, dann erhalten Sie die weiteren Befehle von mir –

Stop –.“

 

Gegen 12:00 Uhr kommt Bigeard zu de Castries: „Aus und vorbei“, sagt

er. „Wenn Sie offiziell einverstanden sind, zieh ich mit meinen Leuten

Leine. Aber die Vietminh müssen glauben, dass die Bude noch hält.

Dafür brauche ich Artillerie-, Granatwerfer- und MG-Feuer. Lassen Sie

einen tüchtigen Mann hier.“ – „Nein“, erwiderte de Castries. „Diese

Drecksarbeit überlasse ich keinem anderen. Habe gerade mit Cogny

gesprochen. Ich bleibe selber hier, mein lieber Bruno. Und mach dir kei-

ne Sorgen, wir werden die ganze Nacht schießen. Wenn es hell wird,

höre ich auf und vermeide weitere Verluste.“

Langlais, Bigeard und ihre Offiziere aßen noch eine gute heiße Suppe,

welche von de Castries’ Marokkanern serviert wurde, und sprachen die

Lage ein letztes Mal mit einigen Bataillonskommandeuren durch. Das

Ergebnis des Gespräches lautete:

„Das Unternehmen ’Albatros’ wird nicht durchgeführt, da zu viele Ver-

luste befürchtet werden.“ Die Bataillonskommandeure gingen zu den

Resten ihrer geschlagenen Paras, Legionäre und Kolonialsoldaten.

Gegen 15:30 Uhr begibt sich Langlais mit Bigeard, Lemunier und Vadot

erneut zu de Castries. Sie wissen noch nicht, dass ein um 14 Uhr von

Đien Biên Phu abgegangenes Telegramm die Beendigung aller Kampf-

handlungen für morgen früh 7:00 Uhr vorsieht.

„Es ist alles im Eimer. Jetzt darf nichts mehr heil bleiben“, sagte ein

frustrierter de Castries. Eisige Atmosphäre. Langlais ging zu seinem

Gefechtsstand und befahl über Funk die Zerstörung aller Waffen, op-

tischen Geräte und Funkeinrichtungen. Mit Brandhandgranaten wur-

den die Verschlüsse der Geschütze zerschmolzen und die Granatwerfer

und Bazookas unbrauchbar gemacht. Das ging relativ zügig, denn funk-

tionsfähige, großkalibrige Waffen waren kaum noch da. Die Munition

wanderte in den Fluss, das Öl der letzten Panzer wurde bei laufendem

Motor aus den Behältern abgelassen, damit die Kolben heiß laufen und

sich festfressen. Saubere Sache.

Nach 169 Tagen Kampf in und um Đien Biên Phu ist gegen 17:30 Uhr

Zapfenstreich.

Auf `Eliane´ tragen die Vietminh tote Soldaten beider Seiten aus den

Gräbern. Auf der Hügelkuppe von `Eliane 2´ errichten die Vietminh

aus Bambus eine Art Totenmal, 10 Meter hoch, und verkleiden es mit

Fallschirmseide.

Aus Hanoi kam nochmals ein Gespräch von General Bodet als Beauftrag-

tem von Navarre nach Đien Biên Phu:

„Also auf Wiedersehen, mein Guter. Wir sind mit unseren besten Wün-

schen bei Ihnen. Machen Sie’s gut.“

Cogny entreißt Bodet den Hörer:

„Hallo, hallo, de Castries? Hallo, de Castries, hören Sie mich?“

„Mon Général“, antwortete de Castries.

„Hören Sie, alter Junge, natürlich muss jetzt Schluss gemacht werden.

Und alles, was Sie bisher geleistet haben, ist großartig. Keine weiße Fah-

ne hissen. Sie sind überrannt worden. Verstehen Sie, überrannt. Keine

Übergabe, keine Kapitulation, keine weiße Fahne! Verstehen Sie, alter

Junge?“

Nach einer kurzen Pause antwortete de Castries mit:

„Ja wohl, mon Général.“

Als die Vietminh in den Befehlsstand von de Castries eindrangen, hatte

dieser noch eine saubere Hose und ein sauberes Hemd angezogen.

Sein rotes Calot auf seinem Haupt und die Ordensspange zupfte er sich

noch ordentlich zurecht.

Der Bo Doi, Ta Quang Luat, brachte stolz erhobenen Hauptes seinen

Gefangenen de Castries mit einem Jeep sofort zu seinen Vorgesetzten.

Die Suche nach Langlais wurde aufgenommen, doch er stellte sich mit

seinem Stab freiwillig.

Bigeard marschierte aber mit gesenktem Blick, als Unbekannter, in einer

Kolonne Gefangener. So richtig begriff keiner, was das sollte. Wollte er

sich absetzen und mit irgendwelchen Partisanen weiterhin Giap ärgern?

Abhauen, Kameraden im Stich lassen? Er?

Erst nach Tagen wurde er erkannt.

Um 17:55 Uhr funkte Cogny mit Lalande, dem Befehlshaber in `Isa-

belle´, über seine weiteren Absichten. Er wusste noch nicht, dass das

Zentrum in der Hand der Vietminh war. Erst eine halbe Stunde später

konnte sein Funker eine Nachricht entziffern, woraus hervorging, dass

de Castries und sein Stab sich in der Hand der Vietminh befanden.

Kurze Zeit später erfolgte auf `Isabelle´ ein massiver Artillerieangriff,

der das Munitionslager in die Luft gehen ließ. Zudem wurde die Fern-

sprechleitung zerstört und das Feldlazarett brannte.

Die Vietminh gaben über Funk zu verstehen, dass ein weiterer Kampf

aussichtslos sei. Dann war vorerst Ruhe.

Angaben der Vietminh:

„Um 14:00 Uhr stürmte Regiment 209 die Höhe 507 in der Nähe der

Muòng Thanh-Brücke. Weiße Flaggen über dem Kommandoposten der

Franzosen.

Regiment 209 besetzte nun Anhöhe 508 und 509 (beide `Eliane´) und

befand sich am Nám Róm Fluss [Nam Youm]. Der Feind fing an, seine

Waffen zu zerstören, und warf sie in den Fluss. Weiße Flaggen nun auch

überall im Muòng Thanh-Zentrum der Befestigungsanlage um das HQ

von de Castries.

15:30 Uhr informierte de Castries über Telegramm Cogny, dass am an-

deren Morgen um 7:00 Uhr das Feuer eingestellt werde.

Gegen 16:00 Uhr überquerten die ersten Einheiten der 312. Division die

Muòng Thanh-Brücke.

16:30 Uhr stürmten unsere Truppen das Hauptquartier von de Castries.

Der Volksoffizier unserer Armee, Chu Ba Theo, hisste über dem Haupt-

quartier des Feindes die Flagge mit dem goldenen Stern auf blutrotem

Grund, die Flagge unseres Landes, der DRV [Demokratischen Republik

Vietnam].

17:55 Uhr informierte die 312. Division an das Frontkommando: „Alle

feindlichen Truppen im Zentrum haben sich ergeben. De Castries hat

kapituliert.“

Zur gleichen Zeit sendet Cogny ein Telegramm an Lalande: „Ausbre-

chen, falls möglich.“

18:30 Uhr Lalande ordert seine Truppen an, Hóng Cúm (`Isabelle´) zu

verlassen.

19:00 Uhr Regiment 57 setzte dem Ausbruchversuch nach und drängte

den Feind zurück. Für den Feind würde der Ausbruch die komplette

Vernichtung bedeuten.“

 

Letzte Bastion `Isabelle´

Samstag, 8. Mai 1954

Angaben der Legionäre:

Der pfiffige Legionär Günter aus Stuttgart (wir machten die

Bekanntschaft dieses Gentleman schon bei der Einberufung, allerdings

trafen sich Günter und Arthur erst nach 55 Jahren wieder), von der 3./3.

REI, hatte in seinem Unterstand eine patentverdächtige „Futterma-

schine“ aus Brettern und Bambusrohr entwickelt. Hierzu lud er einige

Kameraden zu einer wohl letzten Mahlzeit der ungewöhnlichen Art ein.

„Los, wirf deine ’Futtermaschine’ an, wir haben gehörig Kohldampf“,

so ein Kamerad, der schon bewaffnet mit Messer und Gabel dasaß. „Na,

nicht so gierig, mein lieber Fritz. Un peu de distance. Heute werden

wir uns nochmal den knurrenden Magen vollschlagen und hoffen,

dass diese `Grande Merde´ bald vorbei ist. Drüben in Đien Biên Phu ist

jedenfalls eine komische, ungemütliche Stille. Das passt mir gar nicht.

Du kannst nicht mehr einschätzen, was der Viet vorhat. Sonst ballert

er bei diesem Wetter doch unsere eigenen Granaten aus vollen Rohren

gegen uns. Oder, Fritz? Ob ’ne Granate über uns oder auf unsere Birne

fliegt, das können wir mittlerweile einwandfrei heraushören, da es ja

überall krachte. Doch jetzt, wenn es so mucksmäuschenstill ist? Scheiße,

Alter, Mist, das hat keinen Wert, so kann ich mein Gehör nicht weiter

sensibilisieren“, dabei lachte Günter kurz, dumpf und trocken. „Genau,

wenn es kracht und es hui, hui, hui pfeift, ist die Granate über uns und

weg. Wenn es kracht und nix passiert, dann musst du dich sputen, um

vor dir mit der Hand das Kreuz zu zeichnen. Mit der Zeit bekommt man

eben eine Đien Biên Phu-Routine“, erweiterte Fritz das angelernte Fach-

wissen mit einem leisen Kichern. „Leute, ich mache mich an meiner

’Futtermaschine’ zu schaffen.“ Die Jungs hatten schon große, ölige Au-

gen. Der Sabber lief ihnen förmlich schon die Kehle hinunter. Keinem

kann man es verdenken. Vor ein paar Tagen konnten C-119 `Fairchild´

Maschinen im Tiefflug bei Dunkelheit Fallschirme absetzen. Die Piloten

gaben bestimmt ihr Bestes, doch landeten die begehrten Behälter in den

schlecht zugänglichen Stacheldrahthindernissen an der Landepiste bei

`Isabelle´, im Niemandsland.

Ich vermutete, dass es sich in den Behältern um was lecker Essbares han-

deln musste. Wir klügelten eine Bergung aus und warteten geduldig ab.

Morgens bei einem erfreulichen Nebel schnappte ich mir ein paar Kulis

und setzte mich mit ihnen zu den Behältern in Bewegung. Die Viets wa-

ren mit dem Endkampf um das Zentrum von Đien Biên Phu beschäftigt.

Man hörte immer wieder das Krachen von Granaten und das Knattern

von Maschinenwaffen. So waren sie ein wenig abgelenkt, hofften wir.

Zwischen Stacheldraht, tiefem Schlamm, Tretminen und der Angst vor

heranpeitschenden Schüssen kämpften wir uns Meter für Meter an die

Beute der Begierde heran. Die Problematik, von Scharfschützen eins auf

den Pelz zu bekommen, wurde von Tag zu Tag größer und wir deshalb

vorsichtiger. Doch schafften wir es gemeinsam, die zwei Behälter zu

sichern. Ich öffnete und die Freude des Einsatzes war bei allen groß.

Endlich mal kamen wir ohne Verluste zurück. Randvoll mit Corned-

beefbüchsen war das Geschenk des Himmels gefüllt. Die fünf Kulis ent-

lohnte ich mit zwei Büchsen fürstlich und eine Büchse spendierte ich

obendrauf, dass sie den Kopf mit mir so wacker hinhielten. Ja, der was

geleistet hat, der bekommt auch was vom Kuchen ab. Die jungen Ge-

sichter bedankten sich mit mehrmaligem Kopfnicken. Gerechtigkeit

muss sein. Den Rest schleppte der liebe Günter in seinen Unterstand.

Kurz musste ich nachdenken, ob ich es zur Verteilungsstelle hinschlep-

pen lasse. Doch war das nicht möglich. Mein Verstand blockierte da un-

weigerlich. Ich und die Kulis halten die Knochen hin, von den Herren

Offizieren lässt sich jedoch keiner blicken. Ne, das entspricht nicht mei-

ner Vorstellung einer fairen Welt. Vor allem, wenn das Wort Hunger

seit längerem allgegenwärtig ist. Wir sind schließlich nicht auf Manöver

bei einer Sauce, sondern in einem verfluchten Krieg. In einer Schlacht,

wo wir von Anfang an tüchtig Prügel bezogen. Meine Kameraden und

ich haben auch Hunger. Wir haben ein …, nicht ein, sondern das Recht,

zu überleben.

Nachdem ich mein Gehirn ernsthaft ins Gebet nahm, wie man die rest-

lichen 85 Büchsen effektiv platzieren könnte, machte es kurz und grell

„blink“. Die Konstruktion hatte ich urplötzlich vor Augen. Ich bastelte

mir eine Art Zigarettenautomat. Einen Zigarettenautomaten, den man

von oben her auffüllen konnte. Durch einen Schacht gelang das schöne

Cornedbeef in eine Schiebevorrichtung, wo man die Büchse herauszie-

hen konnte. Der Stopper verhinderte ein Nachrutschen, solange der

Schuber außen war. Beim reinschieben wurde durch ein Bambuskon-

takt der Stopper gelöst und die nächste Büchse flog durch den Schacht

in die Schubvorrichtung hinein. Erfindergeist in Đien Biên Phu  vom

Allerfeinsten. Als Werkzeug hatte ich nur mein Schweizer Messer. Die

Kameraden waren fasziniert von dem „Klack“, wenn eine Cornedbeef-

büchse hinunterfiel und man sie aus dem Schuber ziehen konnte.“

Angaben der Franzosen:

„6 km weg von de Castries gefallenem Bunker kämpfte `Isabelle´ ums

Überleben.

Alle Kanonen und Stalinorgeln waren nun auf diesen Stützpunkt ge-

richtet und pflügten ab 17:00 Uhr die Abwehrstellungen Quadratmeter

um Quadratmeter um. Der Leidensweg dauerte an. Lieutenant-Colonel

Lalande war sich nicht sicher, ob er die „Operation Albatros“ starten

sollte. Man hatte ihm freie Hand gegeben. Mit den gesunden, über-

lebenden Männern sich nach Süden durchzuschlagen, um die franzö-

sischen Linien zu erreichen? Durch Dschungel, kaum Munition und so

gut wie keine Lebensmittel? Die mutigen Legionäre der 13. Halbbrigade

kämpften unter dem verzweifelten Lalande ohne Munition mit aufge-

pflanztem Bajonett gegen die Viets, nachdem ein Ausbruch nach Süden

gescheitert war. Tatsächlich gelang es einigen Verwegenen, mit einhei-

mischen, loyalen Guerillas sich durch vietminh-verseuchtes Gebiet bis

zu den französischen Linien durchzuschlagen. Fast alle sind gefallen.

Zurück auf dem Schlachtfeld in Đien Biên Phu blieben die Gefallenen

beider Seiten. Tausende von Fallschirmen lagen verstreut in dem Tal,

welche vom Flugzeug aus betrachtet wie eine riesengroße Champi-

gnonkolonie aussahen.

Gegen 1:00 Uhr nachts am 8. Mai 1954 stellte der Stützpunkt `Isabelle´

das Feuer ein.

Beherzte Einheiten versuchten von Hanoi aus, den Eingeschlossenen

von Đien Biên Phu über den Landweg zu Hilfe zu eilen, wurden aber

alle von starken Verbänden der Vietminh abgedrängt. Lieutenant Ré-

ginald Wièmes T’ai-Partisanen und andere loyale einheimische Ein-

heiten flüchteten in den Dschungel und in die umliegenden Berge, um

sich noch einige Zeit lang ihrer Haut zu wehren. Allerdings kamen die

wenigsten durch und die meisten wurden getötet. Mit den Einheimi-

schen wurde besonders grausam verfahren. Trotz alldem gelang nach

offiziellen Angaben 78 Mann die Flucht, darunter 19 Europäer. Einige

der Europäer waren ausgebildet, sich im Dschungel zu bewegen. Mit

dem Kompass und nur dem Nötigsten gelang es ihnen, ihren Verfolgern

zu entkommen und sich in die französischen Linien zu schlagen. Lieu-

tenant Makowiak vom 3. T’ai Bataillon kannte die Gegend und sprach

ein gutes T’ai. Nach dem Kampf um `Eliane 3´ konnte er mit einigen

seiner T’ais am 31. Mai auf Franzosen wohlgesinnte Partisanen treffen.

Einer Gruppe, bestehend aus einem Teil einer Panzerabteilung, gelang

es, mit einigen Legionären aus `Isabelle´ zu türmen, sie wurden aber

am 10. und 13. Mai in Schießereien mit Vietminhpatrouillen verwickelt,

wobei es zu Verlusten kam. Fünf Mann gelang es, sich zu Meo-Parti-

sanen durchzuschlagen. Zusammen mit ihnen ging es auf einem Boot

den Nam Pak Fluss hinunter, nach Muong Sai. Respektable Leistung

für die fünf Kameraden, welche keinerlei Dschungelerfahrung besaßen.

Zwei der Panzerbesatzung von `Claudine´, Sgt. Willer und Ney (Panzer

`Ettlingen`), flüchteten aus einer Gefangenengruppe am 14. Mai und er-

reichten am 21. Mai eine Ansiedlung am Nam Noua Fluss. Dort trafen

sie auf eine Gruppe von Legionären und Pionieren. Mit dabei Para

Kienitz vom 1. BEP. Mit Meo-Partisanen gelang ihnen die 125 km lange

Flucht durch den Dschungel. Immer an den Fersen Einheiten von Viet-

minh und deren Partisanen. Am 3. Juni wurden sie von einem Helikop-

ter entdeckt und aufgenommen.

Meo-Partisanen sammelten auch Artillerist Nallet und Sgt.Chef Sente-

nac vom 6. BPC auf und konnten sie in die französischen Linien beglei-

ten.“

In Genf verlangten die französischen Abgeordneten den Waffenstill-

stand.

Am gleichen Tag erfuhr die Stammgarnison in Sidi bel Abbès die Nach-

richt vom Fall Đien Biên Phus. Alle anwesenden Legionäre standen

stramm, still, und viele hatten Tränen in den Augen. Der Kommandant

Colonel Paul Gardy ließ nach einer kurzen Ansprache das schaurig

traurige „Aux morts“ durch eine Legionärstrompete erschallen:

„Das Totenlied“.

 

Ausschnitt aus dem Buch `Dien Bien Phu´ von Terry Kajuko – Verlag: EPEE-Edition

Arthur Engel erlebte als Fallschirmjäger der französischen Fremdenlegion im 1er BEP den Krieg in Indochina und 1954 die Schlacht von Dien Bien Phu. Der Autor Terry Kajuko hat in dieser romanhaften Biografie die Erlebnisse seines Vaters verarbeitet.

Neben interessanten persönlichen Erlebnissen werden in diesem Buch, das über 250 Fotos und Karten beinhaltet, zahlreiche Fakten und Hintergründe des Indochina-Krieges, zur Schlacht in Dien Bien Phu und zur französischen Fremdenlegion erläutert.

„In Algerien zu Fallschirmjägern ausgebildet und nach Indochina verschifft, befanden sie sich in keinem gewöhnlichen Krieg, sondern in einem Dschungelkrieg des Mikrokosmos. Ein Krieg ohne zusammenhängende Front. Das Einsatzgebiet eines Elitesoldaten, des Fallschirmjägers.
Im Norden, an der Grenze zu Laos und nicht weit bis China, schwebten die besten Kolonialtruppen in kürzester Zeit vom Himmel oder wurden auf der zusammengebauten Landepiste abgesetzt. Es war die größte Luftlandeoperation im Indochina- und späteren Vietnamkrieg.
In der darauffolgenden Schlacht in einem Tal namens Điện Biên Phủ wurden bewegliche Kampfeinheiten in zusammengebastelten Erdbefestigungen untergebracht, welche in keinster Weise ausreichend gegen Granatenbeschuss gesichert waren. Umzingelt von einer in Laufgräben geschützten und ausgezeichnet bewaffneten Übermacht, den Vietminh. General Giaps Artillerie feuerte völlig überraschend aus gut getarnten Stellungen heraus, hoch oben in den Bergen, wo jede abgefeuerte Granate ein Treffer war.“


http://www.epee-edition.com/index.php/de/onlineshop/biografien-1/dien-bien-phu-detail

E-Book: http://www.epee-edition.com/index.php/de/onlineshop/ebooks/dien-bien-phu-ebook-detail