#Der Pasteur-Code

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 1. Juni 1940

Im französischen Brest lief spätabends der Stolz der französischen

Flotte, das abgedunkelte Passagierschiff „Pasteur“, in Richtung

Halifax nach Kanada aus. Die Flak, um den Schornstein grup-

piert, zeigte in den wolkenverhangenen Himmel, die Mannschaft

war nervös. Deutsche Wehrmachtstruppen rückten mit ihren

Panzerverbänden auf die Küstenstadt vor. Der Himmel war ange-

schwollen von Sturzkampfbombern und Jägern der deutschen

Luftwaffe. U-Boote pflügten durch den Atlantik wie hungrige

Wölfe. An Bord der „Pasteur“ befand sich Frankreichs Staats-

schatz in Form von Goldbarren, Bargeld, Wertgegenständen von

Banken und Firmen sowie der junge Kommissionär für Transport

von Stückgut, Pierre de Lafayette.

 

75 Jahre später in Paris

Auf den Goldbarren lag eine lederne Aktentasche mit folgendem

Inhalt:

 „Diejenigen, die Zugang zu dem Inhalt der Palette haben,

werden hiermit informiert.

Wir schreiben das Jahr 1940.

Nachts liefen wir mit der „Pasteur“ abgedunkelt in Richtung

Halifax/Kanada aus.

Wir hatten unzählige Paletten von Wertgegenständen an Bord,

welche in aller Eile verladen wurden und kreuz und quer in den

Laderäumen standen.

Ich hatte die Logistik, die Verteilung der Paletten, unter mir,

musste aber selbst mit anpacken, weil wir zu wenig Leute waren.

Mit meinen Kameraden habe ich die kreuz und quer stehenden

Paletten mit den Hubwagen sortiert und wetterfest verzurrt. Die

Paletten waren alle beschriftet mit der Herkunft des Eigentums.

Viele interessante Namen befanden sich auf den Paletten, so las

ich bekannte Firmennamen, bekannte Namen von Banken, Priva-

tiers wie Pinault, Mérieux, Arnold, Castries, de la Chevallerie, de

la Motte, de la Rochefoucauld etc. Alle Namen und Adressen von

Hand in aller Eile drauf gepinselt.

Die Verladung ins Schiff lief alles andere als geordnet. Die Angst

vor den Deutschen war groß, denn der Feind befand sich schon

vor Brest. Der Staatsschatz kam noch dazu, mitten während der

Verladung der anderen Güter. Dieser wurde unter größter

Geheimhaltung nachts von Paris nach Brest auf LKWs gebracht,

und nun standen die Transporter vor den verstopften Ladekrä-

nen und Zugängen der „Pasteur“, was das Chaos perfekt machte.

Da konnten die Offiziere laut Kommandos geben, wie sie wollten,

da bewegte sich alles nur noch im Schneckentempo.

 

 

Nun standen alle Paletten durcheinander in den Laderäumen, die

Pasteur legte ab, und ich hatte mit meinen Mitarbeitern die

Aufgabe, dieses Chaos zu regulieren, umzuschichten und zu

sortieren.

Die deutsche Wehrmacht rückte mit ihren Panzerverbänden vor,

der Luftraum war voll von deutschen Stukas und Jägern. Wir

hatten ständig Angst, bombardiert zu werden.

Die „Pasteur“ verfügte zwar über einige Kanonen samt Luftab-

wehr, aber gegen Sturzkampfbomber und U-Boote war das nicht

wirklich effektiv. Sollten wir auf See von einem Torpedo getrof-

fen werden, dann war es das.

So kam mir in den Sinn, eine Palette, auf der sich ein Teil des

Staatsschatzes befand, mal einfach umzuetikettieren - auf den

Namen meiner Familie, samt Adresse. Wenn es klappen sollte,

dann gut, wenn wir durch Beschuss absoffen, dann Pech.

Die Paletten waren natürlich alle gleich groß und mit einer Tonne

angegeben. Bis auf eine.

Auf „meiner“ Palette stand 0,329 t. 

Die Soldaten, die stundenlang auf Achse gewesen und von den

Deutschen getrieben worden waren, kaum was gegessen und

getrunken hatten, bekamen von mir ein paar Kisten Wein und

was zu Essen. Von diesem alten Bordeaux haben sie reichlich

gebechert. Nun schlief das Wachpersonal zwischen den Paletten

und den vielen Kartons.

Ihren Auftrag, die Fracht von Paris nach Brest auf die „Pasteur“

zu bringen, hatten sie unter enormem Stress erledigt.

Der große Druck, es geschafft, das Gold sicher der „Pasteur“

überbracht zu haben, fiel bei jedem einzelnen Soldaten nach

jedem Schluck des schweren Weines mehr ab. Ich erkannte die

Gunst der Stunde und schob jetzt meine umetikettierte Palette

zwischen die vielen anderen Paletten der Privatiers.

Einen Versuch war's wert.

So, stand jetzt meine Palette zwischen den de la Chevallerie und

Mérieux. Das wars.

Die Liste über den Erhalt der vielen Paletten korrigierte ich ent-

sprechend auf eine Anzahl von 213.

 

 Mit dem mittlerweile ausgenüchterten verantwortlichen Offizier

zählten wir die Paletten vor Ankunft in Halifax gemeinsam durch

und kamen exakt auf 213 Stück, entsprechend 213 Tonnen. Dies

wurde von uns beiden quittiert, und ich legte mich erst mal

zufrieden in meine Koje.

Nachdem die „Pasteur“ Halifax in Kanada erreicht hatte, wurden

alle Paletten des französischen Staates in Gold mit LKWs in die

Royal Bank of Canada nach Ottawa überführt. Die Paletten mit

Wertgegenständen der Familien, Banken und Firmen wurden

somit vom französischen Staatsgold separiert.

Die „Pasteur“ wurde im Anschluss an die Überbringer-Aktion

von den Briten beschlagnahmt, und ab diese Zeitpunkt lief das

Schiff unter britischer Flagge. Meinen Kollegen und mir stellte

man als französische Staatsbürger frei zu gehen, wohin wir

wollten - nach Britannien, in die USA oder in Kanada zu verblei-

ben.

Auf der „Pasteur“ unter britischem Kommando wollten meine

Kameraden und ich nicht dienen. Abenteuerlustig, wie wir

waren, schlossen wir uns 1943 de Gaulle unter Jean de Lattre de

Tassigny in Algerien seiner französischen B-Armee an.

Dann folgte die Landung in der Normandie, wo wir 1944 in die 1.

französische Armee eingegliedert wurden.  Nach Beendigung der

Kampfhandlungen 1945 kehrte ich im Rang eines Sous-

Lieutenant hochdekoriert in mein elterliches Haus zurück…

 

 

Eine erotische, humorvolle Gauner-Satire mit realitätsnahen Schilderungen aus Vietnam, Laos, Kambodscha und einer Reflektion auf den damaligen Indochinakrieg.